Und schwupps verpufft das Auslandsjahr!

Julia_NZ

Ich sitze in meinem Melbourner Lieblingscafé im hippen Stadtteil Brunswick und höre meiner Herzensband Beach House zu. Die Hände zittern ein bisschen, weil wer zu viel Zeit hat trinkt zu viel Kaffee. Neben mir steht ein warm-duftender Haloumi-Muffin mit hausgemachter Feigen-Marmelade, und die Sonne brezelt nur so auf meine Kopfhaut herunter, die sich mittlerweile an die fehlende Ozonschicht Australiens gewöhnt hat. Hach Australien.

Ich kann in diesem Moment zu mir selbst sagen: Ich bin glücklich. Überglücklich!

Vor fast acht Monaten ging mein Flieger ins Unbekannte, bewaffnet mit Fleecejacke, semi-sexy Rucksack und neuseeländischem Arbeitsvisum ab nach Auckland. Und ich bin froh sagen zu können, dass das die beste Entscheidung war, die ich seit Langem getroffen habe.

Es waren ereignisreiche acht Monate, in denen ich in viel von anderen, über mich und das Leben gelernt habe. Dieser Break aus meinem Berliner Alltagstrott war nötig. Er hat mir eine neue Sicht auf das Leben verschafft und mir klar gemacht, wie verdammt viel Glück ich im Leben habe und wie gut es uns geht. Ich möchte Menschen schütteln, die sich nicht trauen zu reisen, und ihnen sagen: Du brauchst nicht viel Geld um die beste Zeit deines Lebens zu haben. Es erfordert nur einen kleinen Funken Mut, eingefahrene Gewohnheiten hinter sich zu lassen, denn das, was man zurück bekommt ist viel mehr Wert. Und mit Reisen meine ich nicht den vierwöchigen Asienurlaub – nein ich meine sein bisheriges Leben, Dinge und Menschen die man kennt, loszulassen und einfach mal in einem anderen Land zu leben. Weil wir es können und uns die Welt offen steht.

Ich habe mich selbst überrascht und so viel gelernt. Andere Menschen haben mich überrascht und mich so viel gelehrt.

Am meisten hat mich die Großzügigkeit anderer Menschen beeindruckt. Wie die von Veronika in Sydney, die mir ohne mich wirklich zu kennen einfach übers Wochenende ihren Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt hat. Oder die von Hanna aus Melbourne, die mich einlud, kostenlos ihre Mitbewohnerin zu sein obwohl ich sie gerade erst am Strand kennengelernt hatte. Oder der herzensgute Joe in Golden Bay, auf dessen Fischerboot ich hätte arbeiten sollen – aber das Wetter entweder zu gut oder zu schlecht war und er mir deshalb lieber jeden Tag die Gegend gezeigt hat.

Ich weiss jetzt wieder, wie geil sich eine Dusche anfühlt wenn man eine Woche ohne durch Nationalparks gewandert ist. Ich weiss jetzt, dass ich drei Monate lang mit vier Menschen in einem Zimmer übernachten kann und mich auch noch jeden Tag darüber freuen kann. Ich weiss jetzt, dass es egal ist wie man angezogen ist oder man einen versauten Haarschnitt hat weil man bei einem asiatischen Billigfriseur war, solange man eine positive Einstellung hat. Ich weiss jetzt, dass ich mit wenig Gepäck überleben kann und Materielles Nebensache ist.

kangu

Ich weiss, dass Familie, Freunde und ein Zuhause das Allerwichtigste auf der Welt sind.

Und mir ist wieder bewusst geworden, dass die wichtigen Dinge im Leben nicht im Internet stattfinden. Deswegen habe ich auch in dieser Zeit nicht gebloggt. Zu intensiv war die Zeit, zu schade um sie vor dem Computer zu verbringen. Es ist mir wichtig geworden, Dinge und Situationen bewusst zu erleben. Mein Handy ist tagsüber grundsätzlich im Flugmodus und ich benutze es nur als Fotoapparat. Dazu kann ich euch nur ermutigen. Klar manchmal muss ein Moment instagramt werden sonst platzt einem Vollblut-Medienmenschen wie mir gefühlt das Gehirn. Aber gerade in meiner Kommunikations-Blase, die ich ja auch immer noch so lieb habe, finde ich es wichtig während einer Unterhaltung oder einem Abendessen das Handy nach dem obligatorischen Foto in der Tasche zu lassen.

Dennoch freue ich mich wieder darauf zu bloggen, denn: Das Schreiben hat mir gefehlt. Oft stand ich an einem wunderschönen Strand oder vor einem richtig geilen Bergpanorama und dachte: Scheisse, wenn ich jetzt meinen Laptop hätte würde ich einen riesigen Artikel schreiben und das alles mit euch teilen.

Es ist schon komisch, wie die Zeit vergeht…

Alle Gefühle, die diese Reise in mir ausgelöst hat und immer noch auslöst, in einen Artikel zu packen, ist richtig schwer. Am einfachsten lässt sich meine Stimmung mit einer Art Grundeuphorie beschreiben – jeder Tag ist anders und ständig treffe ich neue Menschen, die mein Leben bereichern. Ich wache jeden morgen auf und denke: „Geil, ich hab Bock!“

Am 26. April lande ich um 11:40 Uhr morgens mit British Airways in Berlin-Tegel, sagt mein Flugticket. Es ist mir unheimlich, dass ich in zwei Wochen zurück nach Deutschland fliege, ich kann es mir einfach gar nicht vorstellen. Habe ich wirklich fünf Monate in Neuseeland und drei Monate in Australien gelebt? Wieso muss ich hier weg, mir geht es doch super?

Im Moment freue ich mich wirklich sehr auf meine Familie, auf meine Freunde, auf Berlin. Berlin ist mein Zuhause, mein Anker, mein Leben der letzten sechs Jahre. Ich liebe und vermisse Berlin. Und meine Liebsten. Aber verfalle ich in eine Depression wenn ich erst mal wieder länger zurück bin? Über kurz oder lang muss ich mich mit der Zukunft beschäftigen, kann das gut gehen? Werde ich mit der Mentalität der Deutschen wieder warm? Fühle ich mich in der ruppigen Hauptstadt wieder genauso zuhause wie im offenherzigen Australien? Wieso habe ich eigentlich immer Hummeln im Arsch, gehen die auch mal weg? Es ist wirklich seltsam nach so langer Zeit nach Hause zu kommen, und es erfordert meiner Meinung nach mehr Mut als aufzubrechen.

Ob ich einen Plan habe? Ehm, nö!

„An was arbeitest du denn gerade?“ hat mich mein Bloggerkollege Sebastian vorgestern gefragt. „An nichts, ausser an meiner Selbstfindung…“ habe ich geantwortet. Zu allem Überfluss werde ich in einem Monat 30 Jahre alt. Finde ich geil, das kann nicht jeder von sich behaupten. Ob es wohl Zeit ist, ein Resumé zu ziehen? Okay, los geht’s:

Single, pleite, arbeitslos. Aber ich hab richtig Bock.

Love, eure Julia.

WA

Julia steht auf schwitzige Rockkonzerte, Whiskey und blutige Steaks. Sie braucht jede Nacht mindestens achteinhalb Stunden Schlaf und mindestens zehn Minuten um einen ironischen Witz zu verstehen.

8 Comments

  • Reply April 13, 2015

    bettybatik

    So schön, dass jemand imselben Boot sitzt. Ich kann jeden einzelnen Satz nachvollziehen und hier in Berlin anzukommen, fällt mir gerade so schwer, auch wenn ich diese Stadt liebe. Alle Eindrücke und gewonnenen Erkenntnisse müssen erstmal verarbeitet werden. Was kann man tun, damit man hier auch jeden Morgen mit dem Gefühl aufwacht ” Geil, ich hab Bock!”? Wie soll’s weitergehen? etc…Ich plane schon das nächste Abenteuer, denn diese Hummeln machen unser Leben wohl so lebenswert 😉

  • Reply April 13, 2015

    Julia

    Ach Betty, ich freu mich schon drauf, mit dir auf uns zu trinken! Immer wenn einer von uns depri wird muss der andere den einen aufpeppeln 😀

  • Reply April 13, 2015

    Anna Klara Måseide

    Liebste Julia,

    was für einen herzens schönen Artikel – über Dich, das Leben im Ausland – und an sich, und die grosse Frage..werde ich die ewige Hummeln im Arsch irgendwann verlieren.
    Ich lebte ein Jahr in NZ und zwei in Melbourne (Brunswick & Carlton), sechs Jahre in Köln und ein halbes Jahr in Brüssel. Jetzt bin ich back to scratch in Norwegen. Die Hummeln sind aber immer da. Im Arsch. Und bleiben bestimmt. Ewig.
    Jemand hat mir erzählt, das Leben ist wie einen Spiral – und man kommt immer wieder zurück an dem Punkt wo Du schön warst. Alles ist aber trotzdem anders, da the second time around die gleiche Situation basiert auf neue Erfahrungen gelöst wird.
    Ich wünsche Dir alles alles Gute für die letzte zwei Wochen in Paradies und einen wunderschönen Wiedereinstieg in Deutschland. Der auch schon verdammt klasse ist!

    Skandinavische Umarmungen coming your way!
    AK :)

  • Reply April 13, 2015

    Julia

    Liebe Anna Klara,

    danke für die lieben, tollen Worte! Es geht mir genauso, ich habe über ein Jahr in Australien gelebt, fast ein halbes in Neuseeland, fast ein Jahr in den USA und drei Jahre in den Niederlanden. Die Hummeln gehen einfach nicht weg!!! Wie soll das auch gehen, wenn die Zeit im Ausland immer so toll und positiv ist? Es beruhigt mich, wenn du sagst, dass deine Hummeln auch nicht weg gehen, und vielleicht das Spiralen-Ding einige Dinge löst. Danke! Ich wünsche dir eine tolle Zeit in Norwegen. Und besuch mich, wenn du mal wieder in Berlin bist <3

    Alles Liebe und einen dicken Drücker aus Australien!

  • Reply April 13, 2015

    danii

    Großartig! Genauso sieht es nämlich aus! Nach nun 12 Monaten Kanada und 3 Monaten Asien werde ich auch am 20.5 in Berlin laden – mit gemischten Gefühlen aber auch einer riesen Portion Vorfreude!
    Wünsche dir 2 ganz fantastische letzte Wochen und einen super Start!

  • Reply April 14, 2015

    Julia

    Danke liebe Danii! Ich wünsche auch dir alles Gute für den Neustart, ich bin gespannt wie dir es ergeht, alle meine Daumen sind gedrückt!!

  • Reply April 14, 2015

    Anna

    Der letzte Abschnitt fast es wunderbar zusammen.
    “Single, pleite, arbeitslos. Aber ich hab richtig Bock.” – Bock ist das wichtigste bei all den Punkten hier. :)

    Viel Erfolg,
    Anna

  • Reply April 15, 2015

    julia

    Danke liebe Anna <3 Dir auch alles Gute!

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