Kiezgespräch: Mit überlin von Hackney nach Kreuzberg

Hach Berlin du bist toll. Aber wieso eigentlich? Für mich sind es deine Menschen, die dich so besonders machen. Ganze sechs Jahre habe ich im Ausland gelebt, bevor du mich überredet hast zu bleiben. Und vor allem deine Expats und internationalen Bewohner haben mich überzeugt. Ja Berlin, du bist international. Die Menschen kommen zu uns und es ist fast besser als selbst zu reisen.

Und tolle englischsprachige Expat-Blogs wie Überlin beweisen es. James und Zoe kamen über London nach Berlin und wollten eigentlich nur Urlaub machen. Es hat jahrelang gedauert bis sie den Umzug gewagt haben und ihren Traum in die Realität umgesetzt haben. Jetzt haben die beiden nicht nur Vollzeitjobs und ihren Blog der befüllt werden möchte, nein sie haben einfach einmal einen Coworking Space in einer der besten Gegenden von Kreuzberg eröffnet. Ein bemerkenswertes Beispiel an Passion und Durchhaltevermögen für alle, die in unserer Stadt leben wollen, ob deutschsprachig oder nicht.

Hier geht es zum Interview:

Julia: Wieso habt ihr euch mit eurem Co-Working Space für den Gräfekiez entschieden?

Zoe: Das war eigentlich ganz leicht, weil ich schon länger mein Fotostudio hier im Keller hatte und ein Auge auf die anderen Stockwerke geworfen hatte. Im Mai zogen die Vormieter aus, dann hieß es: Jetzt oder nie! Wir hatten verdammtes Glück.

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Ein Traum wurde Wirklichkeit: James und Zoe haben einen Coworking-Space eröffnet.

Julia: Wieso fühlt ihr euch hier so zuhause?

James: Irgendwie hat der Kiez uns ausgesucht und nicht wir den Kiez. Erst wollten wir am Schlesischen Tor bleiben, irgendwie fühlte es sich so an, als ob wir dort im Zentrum des Geschehens sind. Dann wollten wir aber etwas Eigenes mieten und das war die erste Wohnung die wir angeschaut haben. Dann haben wir uns in die Bude verliebt. Ich war zuerst nicht so überzeugt, aber Zoe hat mich überredet.

Zoe: Diese Wohnung fühlte sich wundervoll an, und ich wollte definitiv nicht im Partykiez am Schlesi wohnen.

Julia: Könnt ihr euren Kiez hier mit dem in London/Hackney vergleichen, wo ihr vorher gewohnt habt?

Zoe: Nein, hier ist es wie in einer anderen Welt. Hackney ist voll mit Leuten und man hat niemals das Gefühl von Freiheit oder Raum. Selbst der Park an dem wir gewohnt haben war nicht entspannt, dort wurden Leute erschossen – wir haben uns nicht sicher gefühlt. Hier in Berlin sind wir regelrecht gestrandet und hatten sofort das Gefühl angekommen zu sein. Hier ist einfach so viel Platz. Tolle Cafés, leckeres, gesundes Essen – so etwas gab es in unserer Gegend nicht. Eher Pizza zum mitnehmen und frittiertes Huhn. Einfach komplett das Gegenteil.

Julia: Hattet ihr diesen einen Moment, in dem ihr euch entschieden habt umzuziehen? Oder war es ein längerer Prozess?

James: Das war ein langer Prozess. Es hat ganze sechs Jahre gedauert – zuerst kamen wir als Touristen hier her und fanden es toll. Dann gingen wir zurück nach London und haben versucht deutsch zu lernen und uns Freelance-Jobs zu suchen, die wir auch von hier aus machen könnten. Alles ging sehr langsam. Ich hatte einen Job in einer großen Marketing-Agentur den ich hasste. Und dann habe ich gekündigt.

Am Ende haben wir den Plan vom Geld sparen und Vorbereiten an den Nagel gehängt und uns für Berlin entschieden. Sparen ist in London sowieso unmöglich. Das war total aufregend und unheimlich zugleich. Wenn ich jetzt zurückblicke frage ich mich, wovor ich eigentlich Angst hatte. Wir haben es einfach gemacht. Viele Leute trauen sich das nicht und wollen ihr komplettes Leben umziehen. Davon muss man sich frei machen. Wir haben einen Neustart gewagt.

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Julia: Was ist euch am Anfang in Berlin am Schwersten gefallen?

Zoe: Die Sprache. Es ist zwar okay kein Deutsch zu sprechen weil viele Leute hier Englisch können. Aber man ist nie hundert Prozent Teil der Stadt wenn mein kein Deutsch kann. Gerade am Anfang wenn man diese offiziellen Dinge erledigen muss, wie zum Beispiel eine Wohnung finden. Und in diesen Branchen spricht kaum jemand Englisch. Oft haben wir uns gedacht: was machen wir hier eigentlich?

Julia:  Hat euch euer Blog überlin geholfen, hier Leute kennen zulernen?

James: Auf jeden Fall. Wir haben überlin im Flugzeug nach Berlin gegründet, unseren ersten Blogpost schrieben wir aus der Luft. Wir wollten schon die ganze Zeit zusammen einen Blog aufsetzen, es war Teil unseres Berlinplans. Der Blog hat uns geholfen ein Netzwerk zu gründen. Ohne den Blog wüsste ich nicht, ob wir hier geblieben wären. Und ob wir so schnell Freunde gefunden hätten. Man kann schon sagen, dass 95% der Leute die wir hier kennen über den Blog gekommen sind. Oder durch Freunde von Freunden die unseren Blog kennen.

Julia: Was steht bei überlin als Nächstes an?

Zoe: Definitiv ein Relaunch. Den planen wir schon seit zwei Jahren aber wir beide arbeiten Vollzeit und haben sehr viele andere Projekte, deswegen dauert manchmal alles ein bisschen länger.

James: Wir wollen die Inhalte breiter streuen. Etwas weg von dem persönlichen Fokus von mir und Zoe, aber mehr Richtung interessante Berliner Persönlichkeiten. Wir planen das für die nächsten Monate.

Julia: Wie viele Jobs habt ihr eigentlich?

Zoe: James hat einen ganz normalen, festen Vollzeitjob. Und ich bin Fotografin. Aber immerhin ist mein Job freiberuflich, also kann ich mir meine Zeit frei einteilen. Jetzt haben wir unseren eigenen Coworking-Space, der unsere Aufmerksamkeit braucht. Und unseren Blog mit Facebook und Twitter. Wenn wir also anfangen darüber nachzudenken, was wir alles machen, wirkt es beinahe verrückt. Während andere am Wochenende entspannen schreiben wir Blogposts. Aber wir lieben es. Sonst hätten wir längst damit aufgehört.

Julia: Bekommt ihr auch über den Blog einige Jobs? 

James: Auf jeden Fall. Mein Job hat mit Facebook zu tun, oft verweise ich potenzielle Arbeitgeber auf überlin – als Referenz wie ich arbeite. Aktuell arbeite ich im Customer Support, also schreibe ich jeden Tag Emails um Leuten weiterzuhelfen. Genau das machen wir auch mit überlin, ständig bekommen wir Fragen wie es ist hier zu leben und was dazu nötig ist. Viele wollen uns auch treffen und haben komplizierte Fragen, zum Beispiel wie sie hier ein Arbeitsvisum bekommen. Ich arbeite also rund um die Uhr.

Zoe: Ich wäre keine Fotografin wenn wir nicht den Blog gegründet hätten. Ich war Webdesignerin in London. Als wir nach Berlin gezogen sind, habe ich für den Blog meine erste Kamera gekauft. Und habe mich komplett in die Fotografie verknallt. Und erkannt dass ich jahrelang den falschen Job gemacht habe. Dann habe ich mir das Fotografieren selbst beigebracht und ich liebe es. Danke überlin.

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Das Fotostudio im Coworking-Space von überlin darf gemietet werden.

Julia: Was ist euer Motto?

Einfach weitermachen. Oder Berlin hustles harder.

James: Berlin hat bekannt für seine tollen Parties. Aber die Stadt ist so viel mehr. Und die Leute die hierbleiben wollen und das genießen wollen, müssen sich anstrengen. Hier gibt es nicht so viel Wirtschaft oder Firmen wie in London oder Hamburg oder woanders. Hier gibt es nicht so viele Jobs, wir müssen uns anstrengen. Ein guter Freund hat mal gesagt: Berlin is the place where fuck ups come to succeed. Das Zitat trifft auch auf uns zu. Viele Leute haben tolle Projekte, aber sie arbeiten auch sehr hart dafür.

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Das Filter House in der Gräfestraße

Julia: Habt ihr noch einen tollen Berlin-Tipp für uns, etwas neues was euch kürzlich untergekommen ist?

Zoe: Wir waren vor zwei Wochen zum ersten Mal im Thaipark. Und wir haben uns gedacht: Wieso sind wir erst jetzt darauf gekommen? So etwas würde in London nie Erfolg haben. Die Leute kommen einfach in den Park und verkaufen ihr selbst-gekochtes Essen. Direkt aus dem Liegestuhl.

James: Ich mag dieses neue Café in der Gräfestraße, es heißt „Filter House“ und ist auf Filterkaffee spezialisiert. Sechs verschiedene Versionen von Filterkaffee bekommt man dort. Auch in der Eiskaffe-Variante. Und das Essen ist auch ganz wunderbar und es gibt Pale Ale, denn nachts ist das Ganze eine Bar.

Herzlichen Dank an James und Zoe für das wunderbare Interview.

dankeschön

Julia steht auf schwitzige Rockkonzerte, Whiskey und blutige Steaks. Sie braucht jede Nacht mindestens achteinhalb Stunden Schlaf und mindestens zehn Minuten um einen ironischen Witz zu verstehen.

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