Kiezgespräch: Kreuzberger Girlpower mit Original Unverpackt

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Heute scheint  in Berlin die Sonne. Ich radle Richtung Kreuzberg, vorbei an Moritzplatz und Engeldamm, die Köpenicker runter und rechts in die Muskauer Straße. Dort habe ich eine Verabredung mit Start-Up Geschäftsführerin Milena Glimbovski im Social Impact Lab, einem Co-Working Space für Firmen, die die Welt ein bisschen besser machen wollen.

Genau das möchte Milena, gemeinsam mit Co-Gründerin Sara Wolf will sie mit ihrem Supermarktkonzept Original Unverpackt die Verpackungen im Einzelhandel abschaffen. Das Konzept klingt schlüssig, so einfach und gut dass es Erfolg haben muss. Erst gestern haben Milena und Sara mit Hilfe von Crowdfunding die 100,000 Euro eingenommen, die nötig sind um die Supermarktrevolution zu starten. Im Spätsommer eröffnet der erste Laden in Berlin-Kreuzberg. Wir sind neugierig – woher haben diese beiden starken Frauen den Elan, die Muse und die Durchsetzungskraft, ein solches Mega-Projekt zu starten? Erobern sie nach Berlin die ganze Welt?

Hier geht es zum Interview mit Milena von Original Unverpackt:

Julia: Liebe Milena, woher nimmt man heute den Mut, ein Startup zu gründen?

Milena: Bei mir war das keine Entscheidung des Mutes, man hat so langsam angefangen und war plötzlich mittendrin. Es war kein Moment da, wo wir gesagt haben “jetzt gründen wir eine Firma”, sondern eine stetige Entwicklung von mehreren Ideen, bei denen wir geschaut haben ob sie theoretisch funktionieren. Als sie theoretisch funktionierte bei Businessplan Wettbewerben dachten wir uns: „Mal gucken, ob das auch praktisch geht.“ Es gab da so einen Moment als Sara und ich beim Notar waren und aus dem Gebäude rauskamen. Wir beide als Gründerinnen und Gesellschafterinnen kamen uns wie frisch vermählt vor und köpften eine Flasche Sekt. Da stand auf einmal eine Passantin und fragte uns was wir feiern würden. Da antworteten wir dass wir gerade geheiratet hätten. Sie gratulierte uns und freute sich wahninnig mit uns. Wir hatten den Schritt endlich gewagt.

Julia: Das heißt es gab theoretisch nie den zündenden Moment, in dem du dachtest – ja, das mache ich?

Milena: Doch, die Idee hatte ich schon ganz viele Jahre. Ich habe sie mit mir rumgeschleppt, aber sie war nie konkret. Irgendwann wurde sie konkreter und ich habe Sara dazu geholt. Und wir haben angefangen, das Ganze umzusetzen.

Julia: Original Unverpackt soll in Berlin Kreuzberg eröffnen, und hier ist auch euer Büro. Was bringt dich zu diesem Standort?

Milena: Ich liebe Kreuzberg. Als ich noch in Hannover wohnte, war es für mich dieser ferne, verrückte Ort. Das hat für mich Berlin ausgemacht. Später erfuhr ich natürlich dass die ganze Stadt mehr oder weniger verrückt ist – auf die gute Art natürlich. Hier treffen sich die Kreativen und Mutigen. Hier kommen viele verschiedene Menschen aus aller Welt zusammen und das ökologische Denken ist hier sehr etabliert.

Julia: Hast du einen Lieblingskiez in Kreuzberg?

Milena: Früher habe ich im Bergmannkiez gewohnt und den Viktoriapark echt geliebt, vor allem den kleinen Wasserfall. Mittlerweile hänge ich eher in Kreuzkölln ab, da fühle ich mich wohl. Ich bin 2009 hergezogen und habe mich direkt in Berlin verliebt, alles hat sich richtig angefühlt.

Julia: Du hast Original Unverpackt mit Crowdfunding mitfinanziert, würdest du das auch jedem anderen Startup empfehlen?

Milena: Das ist abhängig vom Startup. Es ist natürlich nicht schlecht, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, vor allem um Investoren oder auch der Bank zu zeigen „Guck mal, die Masse interessiert’s!“ – aber um überhaupt damit erfolgreich zu sein muss man vorher schon sehr viel Vorarbeit geleistet haben. Man muss einen Prototypen haben, eine Community aufgebaut haben. Das ist harte Arbeit und geschieht nicht von selbst. Auch das Crowdfunding an sich ist harte Arbeit. Man muss sich fragen, was möchte ich damit? Geld, Aufmerksamkeit, oder beides? Oder ein Proof Of Concept? Bei uns ging es um klassisches Crowdfunding, wir haben das Geld wirklich gebraucht. Erst dadurch haben wir jetzt die Möglichkeit, den Laden zu eröffnen.

Julia: Wie lange habt ihr dann Vorarbeit geleistet?

Milena: Wir haben vor anderthalb Jahren angefangen, solange gibt es uns. Mit dem Community-Aufbau und der Facebook Seite haben wir im Herbst letzten Jahres begonnen. Im Wesentlichen begann da die Vorarbeit, interessierte Leute finden für die das Thema spannend ist und Inhalte posten. Gestern haben wir unser Dankeschön-Video gedreht, weil wir die 100,000 Euro Marke geknackt haben, das ging dann doch ganz fix.

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Julia: Dann hast du sicherlich mit ganz vielen anderen Gründern in der Startup Szene zu tun und tauschst dich aus?

Milena: Ja, man geht natürlich auf Netzwerkveranstaltungen. Nicht um klassisch zu netzwerken, aber es ist immer spannend auch Leute aus anderen Bereichen kennenzulernen, Leute die zum Beispiel eine App entwickeln oder ein Sozialunternehmer sind. Einfach mal was ganz anderes als man selbst machen. Das ist erfrischend, super spannend und man lernt immer etwas dabei. Auch durch unsere Kreativpiloten-Auszeichnung haben wir so viele spannende Start Ups kennengelernt.

Julia: Hast du das Gefühl, die Startup Szene in Berlin boomt gerade?

Milena: Ja, nicht nur Berlin, ich höre auch immer so viel von Leipzig – das wird auch richtig gehypt. Berlin wird ein bisschen überhypt was die Startup-Szene angeht, sie ist da und riesig, auch wahrscheinlich am größten in Deutschland und vielleicht sogar Europa. Aber es ist natürlich nicht die einzige Wirtschaft, die es hier gibt. Man hat in Berlin die besten Voraussetzungen, mit niedrigeren Lebenshaltungskosten als in anderen Städten. Es gibt viele neugierige Menschen hier, die etwas Neues starten wollen. Die Verrückten und Mutigen kommen nach Berlin, so findet man genau die Leute mit denen man zusammen arbeiten kann und die man dann auch einstellt.

Julia: Wie viele Angestellte beschäftigt ihr denn?

Milena: Wir haben zwei Teilzeitangestellte, der Rest ist Vollzeit hier. Aber insgesamt sind wir zu acht.

Julia: Das ist Wahnsinn. Hast du dir eigentlich mit Original Unverpackt einige Dinge schwerer und einiges leichter vorgestellt?

Milena: Ich habe mir leichter vorgestellt, eine Immobilie zu finden. Wir haben jetzt ein halbes Jahr gesucht und endlich eine gefunden. Schwieriger haben wir uns vorgestellt eine Finanzierung zu bekommen, auch wenn sich das jetzt vielleicht doof anhört. Wir hatten relativ früh zwei kleinere Privat-Investoren die uns früh unterstützt haben dass wir Vollzeit für Original Unverpackt arbeiten konnten. Das Crowdfunding danach war so viel erfolgreicher als wir es uns je erträumt hätten. Das hat uns vieles erleichtert und vielen Menschen gezeigt – wow, das wird was! Gerade auch für Investoren war das interessant. Wir hatten die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt – und unsere harte Arbeit über die Jahre wurde belohnt.

Julia: Wieso glaubst du, sind haben die Verbraucher und Medien gerade zu diesem Zeitpunkt so viel Interesse an Original Unverpackt?

Milena: Ich glaube ein schlagendes Argument ist Plastik. Wir haben gestern eine größere Immobilie besichtigt, und die Hausverwaltung dort erzählte uns von ihrem Urlaub aus dem sie gerade zurückkam. Sie war erschüttert, denn überall dort lag unser Müll herum, vor allem im Meer. Sie konnte nicht glauben, dass sie so weit geflogen ist und angeschwemmten Plastikmüll aus Deutschland am Strand vorfindet. Unser Müll kommt ins Meer. Vielen Menschen ist es heutzutage viel klarer, was für Ressourcen für die Verpackung draufgehen- und gleichzeitig wissen wir nicht wohin mit dem Müll. Wir können auf den Mars fliegen aber haben immer noch keine Lösung für den Müll. Das wird den Menschen langsam klar, deswegen funktioniert Original Unverpackt, weil die Menschen bereit sind ihr Konsumverhalten zu verändern.

Julia: Was wünschst du dir für die Zukunft?

Milena: Dass wir ganz viele tolle Läden haben, in allen Stadtteilen und in allen Städten dieser Welt. Das ist mein großer Wunsch.

Julia: Weltherrschaft!

Milena: Das hast du gesagt.

Julia: Gibt es noch eine Frage, die ich dir stellen sollte?

Milena: Ich würde auch gerne etwas über mein Team erzählen. Man sieht immer nur Sara und mich, aber eigentlich wären wir nie so weit ohne unser Team. Ohne Lola, die den Einkauf leitet, und das ganze Einkaufsteam Sarah und Berenike, die mit den Lieferanten sprechen und sie überzeugen und Lösungen anbieten, die unverpackt funktionieren. Das ist unser Kerngeschäft. Sara und ich haben die Hand drüber, aber die eigentliche Arbeit erledigen die Mitarbeiter.

Zum Beispiel Riaan arbeitet seit zwei Tagen hier ist zuständig für die ersten Franchise-Nehmer, ich habe einfach keine Zeit mehr gehabt um diese Emails zu beantworten, wir haben zu diesem Thema bestimmt 60 Mails bekommen. Wir haben plötzlich 30,000 Facebook Freunde die schreiben und kommentieren – da muss man auch darauf eingehen und die Möglichkeit des Dialogs nutzen. Ohne unsere Mitarbeiter könnten wir dieses Projekt gar nicht schaffen. Die Essenz ist unser Team, das ist Original Unverpackt.

Julia: Vielen Dank für das tolle Interview liebe Milena. Und noch wahnsinnig viel Glück und Erfolg mit Original Unverpackt!

Unterstützt die Mädels weiterhin hier bei ihrem Projekt!

Julia steht auf schwitzige Rockkonzerte, Whiskey und blutige Steaks. Sie braucht jede Nacht mindestens achteinhalb Stunden Schlaf und mindestens zehn Minuten um einen ironischen Witz zu verstehen.

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