Halbzeit – Ein Lebenszeichen aus Wellington

Es klickt, schnarrt und pfeift zärtlich. Ich sitze in meinem verschrammelten Hochbett in meiner neuen Wohnung und höre dem Tui zu, der spiegelgrünen, neuseeländischen Version des europäischen Spatzes. Wenn er singt überkommt mich ein warmes Zuhause-Gefühl, hier in Wellington am südlichen Zipfel der Nordinsel Neuseelands. Sie wird ihrem Ruf gerecht, die coolste kleine Hauptstadt der Welt zu sein – mit noch nicht einmal 200.000 Einwohnern weist sie mit Sicherheit die größte Dichte an entspannten Menschen auf. Es ist verrückt, fast drei Monate verbringe ich schon mit dem Work & Travel-Visum in Neuseeland und die Zeit verfliegt einfach viel zu schnell…

Ich blicke auf die dschungeligen Hügel von Aro Valley, meine derzeitige Heimat, dessen kleine, mit Cafés gesprenkelte Hauptstraße sich mit einer entschleunigte Miniversion der Bedford Avenue in Brooklyn vergleichen lässt. Oder vielleicht mit einem putzigen Vorort von San Francisco – genauso windig wie dort ist es allemal. Hier gibt es die “drei F”: Fixies, Filterkaffee und die besten Fish & Chips der ganzen Stadt. Ein kleiner hipper Stadtteil in einer kleinen hippen Stadt, die gefühlt niemanden auf der ganzen restlichen Welt interessiert. Und die gerade deswegen so paradiesisch ist.

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Der einheimische Tui klingt wie eine Jazzflöte…

Es fühlt sich an, als ob wir in einem Baumhaus wohnen…

… so hat mich mein Mitbewohner Will überzeugt, mit vier neuseeländischen Skaterjungs in ein Häuschen in diesen wildbewachsenen Hügeln zu ziehen, das bis Weihnachten renoviert werden soll. Dank Will, Brody, Jay und Dillon zahle ich nur 80 Dollar die Woche für mein kuscheliges Zimmerchen, dessen Sauberkeitsgrad sich wahrscheinlich mit der Garage meiner Eltern vergleichen ließe. Häuser oder Autos werden in Neuseeland übrigens nicht abgeschlossen – ständig schlendern lustige Menschen in unser Haus und fangen interessiert Gespräche mit mir an. “Du wohnst in Berlin? Fuck yeah!”

Es ist spannend, wie man sich selbst in so kurzer Zeit verändert – Neuseeland macht mit mir, dass ich mich selbst überrasche. Während ich diesen Lagebericht tippe damit ihr an meinem kleinen “Abenteuer” ein wenig teilhaben könnt, kann ich es einfach nicht glauben, die letzten drei Monate sind einfach so verpufft.

Time flies when you are having fun…

Erstaunte Gesichter stelle ich mir zuhause vor die sagen: Was, du hast zwei Monate in einem Hostel gewohnt? Niemals hätte ich von mir gedacht, dass ich mir für zwei Monate ein Zimmer mit vier Menschen teilen kann. Ohne Privatsphäre, ohne auch nur 5 Minuten für mich alleine. Hostel-Leben – für mich der schlimmste Alptraum. Das dachte ich zumindest noch wenige Tage vor meinem Flug nach Down Under. Und wie es dann wirklich kam?

Mehr als ein Hostel: Das Worldwide Backpacker ist wie ein zweites Zuhause.

Mehr als ein Hostel: Das Worldwide Backpackers ist wie ein zweites Zuhause.

Ich verliebte mich so sehr in die Bewohner des „smallest Hostel of Wellington“, dass es mir fast das Herz brach auszuziehen. Joggen mit Simon aus Slovenien, kochen mit Tony aus Kalifornien und Rotwein trinken mit Izzy aus Südengland – in kürzester Zeit habe ich hier Freunde fürs Leben gefunden, die ich so schnell nicht wieder hergeben mag. Der einzige Grund auszuziehen war das liebe Geld, denn es bleiben mir nur noch knappe sechs Wochen Sparzeit bis zu meiner großen Rundreise durch Neuseeland und Australien. Zwei Monate Roadtrip ohne Plan und ohne Ziel – die absolute Freiheit. Doch zu schnell vergeht die Zeit und bereit meine kleine Lieblingsstadt zu verlassen bin ich noch lange nicht.

Denn das Schlimmste am reisen ist, Menschen gehen zu lassen.

Campen und abcornern am Meer mit den Liebsten.

Campen und abcornern am Meer mit den Liebsten.

Nie hätte ich auch nur vermutet, dass ich mich so schnell an neue Menschen gewöhnen kann. Viel schneller lernt man auf Reisen Freunde kennen und gewinnt sie lieb. Zu oft wird mir mit Schrecken bewusst, dass ich mich in einer Zeitblase befinde, die Ende Februar platzen wird. Schon nach Weihnachten werde ich mindestens die Hälfte der tollen Leute aus meiner neugefundenen Clique in die Welt entlassen müssen, inklusive mir selbst. Ohgott.

Das Beruhigende ist, dass zuhause ebenso tolle Menschen auf mich warten. Trotzdem bleibt immer ein kleiner Trennungsschmerz, an den ich mich in den beinahe sechs Jahre meines Lebens, die ich bereits im Ausland verbracht habe, eigentlich langsam gewöhnt haben sollte.

Was ich eigentlich die ganze Zeit mache?

Durch Zufall und Connections aus meinem alten Job fand ich direkt bei meiner Ankunft in Wellington einen Vollzeit-Job bei Neuseeland Tourismus als Support des Business Events Teams. Der Traum eines jeden Backpackers, denn Bürojobs sind wesentlich besser bezahlt als Obstpflücken, gärtnern oder kellnern. Fast zwei Monate arbeite ich schon hier, erforsche den australischen Konferenz-Markt und hoffe, dass ich keinen neuseeländischen Akzent bekomme. Weil mich sonst nämlich keiner mehr versteht: “Do you speak English?” Ear sick horse!” (Yes, of course.)

Jeden morgen stehe ich um sieben Uhr auf und schaffe es pünktlich spätestens um halb neun auf meinen Bürostuhl im Stadtzentrum, im Vodafone-Hochhaus mit Blick auf den türkisblauen Hafen. Nach der Arbeit treffe ich meist Freunde, und wir joggen am Meer entlang, backen Brot oder besuchen Aktzeichnen-Kurse und Strickworkshops. Sonntags ist Markttag und der Samstag ist zum wandern oder campen da.

Ich werde zum Fitness-Ass: Die Laufstrecke auf Mount Vic.

Ich werde zum Fitness-Ass: Die Laufstrecke auf Mount Vic.

Klingt schon fast langweilig, nicht?

Vielleicht habe ich auch deswegen so lange gebraucht, um euch auf den neusten Stand zu bringen. Es gibt nicht viel zu erzaehlen. Außer vielleicht: “Hey, am Sonntag waren Zucchini im Angebot!”. Oder vielleicht “Boah, habe ich Muskelkater im Arsch vom Wandern!”. Ich muss zugeben, die einzige Website die ich im Moment aktualisiere ist die Erdbeben-Warnseite für Neuseeland. Denn täglich rumpelt es hier ein wenig im Karton. Meine ärmste Fanni schmeisst daher gerade unser Herzprojekt PonyDanceClyde komplett alleine – und ich danke ihr dafür von Herzen und bin froh, dass ich eine so tolle Freundin habe.

Ich habe seit zwei Monaten keine Nachrichten gelesen, weiss weder was in der Ukraine noch sonstwo passiert, hatte kaum Internetzugang und mit Menschen von zuhause habe ich auch nicht wirklich telefoniert, geschweige denn Postkarten geschrieben. Vielleicht wollte ich einfach bisschen für mich sein und den Moment genießen. Ich hoffe, ihr verzeiht.

Viele Grüsse aus meiner kleinen, heilen Backpackerwelt.

Eure Julia

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#Hood #AroValley #Megalove

Wieso eigentlich Neuseeland, und überhaupt? Wie es zu Julias Auslandsaufenthalt kam, könnt ihr hier nachlesen …

Oder gleich alle PonyDanceTravel Reisegeschichten.

Julia steht auf schwitzige Rockkonzerte, Whiskey und blutige Steaks. Sie braucht jede Nacht mindestens achteinhalb Stunden Schlaf und mindestens zehn Minuten um einen ironischen Witz zu verstehen.

3 Comments

  • Reply December 7, 2014

    Din

    Ein toller Beitrag und es hört sich nach einem wunderschönen Leben an, dass du derzeit dort führen kannst. Weiterhin sehr viel Spaß und Freude.

  • […] Dienstag fliege ich bis Ende Januar nach Neuseeland und besuche dort meine liebe Freundin Julia. Da ich keinen Laptop mithaben werde, wird es hier noch ruhiger als sonst werden. Aber vielleicht […]

  • Reply April 13, 2015

    Simon

    Nice one, Julia. I enjoyed jogging with you and I am enjoying reading your posts about your life, friendship and travelling. It is always a pleasure to hear there is something I have done good & nice to other human being. When I am/you are reflecting back, it is not important how many places you have visited while travelling, but how many nice & friendly people you have met! Have a good one and come back to NZ one day. I will be still here 😛

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