Der Gemüse-Nerd: Tschüss Comfort Zone, Hallo Südtirol

Ich stehe in einem Gemüsebeet und habe Angst. Drei Augenpaare schauen mich erwartungsvoll an, eines davon grinst wissend. Um mich herum findet ein Bergpanorama wie aus dem Bilderbuch seine Bühne, unten im Tal rauscht die Autobahn und nichts, aber auch gar nichts weißt darauf hin, dass hier etwas wächst, das sich locker mit dem Sushi-Begleiter Wasabi messen könnte. Meine Angst gilt dem Bergpfeffer, das schärfste in diesem Garten. Und ihr müsst wissen: ich bin eines von diesen Weicheiern, die noch nicht mal ein bisschen Wasabi zum Sushi aushalten. Ganz vorsichtig wandert der Bergpfeffer, der übrigens in Form eines kleinen Blattes daherkommt auf meine Zunge. Und entfaltet sogleich seine Wirkung. Er soll nicht der einzige spannende Geschmack sein, den ich bei diesem Asuflug in Südtirol probieren darf.

Junges Gemüse auf altem Land

Drumherum wachsen in fröhlich sortiert-unsortierter Mischkultur über 400 Sorten Gemüse. Darunter noch mehr nie gehörtes wie Sauerklee, Erbsenschote, Nussgras, Glückskleerübchen (was ein herrlicher Name!), Erdmandeln und Knollenkartoffeln. Oder ganze 16 verschiedene Sorten Karotten – von denen übrigens die wenigsten orange sind, denn die wurden erst ab dem 17. Jahrhundert zu Ehren eines niederländischen Königs gezüchtet. Wieder was gelernt!

Diese Vielfalt von dem Durchschnittsmenschen völlig unbekannten Gemüsesorten kommt nicht zufällig zustande: wir haben es hier mit einem echten Gemüse-Nerd zu tun.

Harald Gasser vom Aspinger-Hof in Barbian recherchiert auch gern nächtelang in Online-Foren, um danach jemanden aus seinem riesigen Netzwerk (ja, es gibt wohl noch mehr Gemüse-Fanatiker) auf die Jagd nach seltenem – und oft dementsprechend teurem Saatgut zu schicken. Man muss sich das vorstellen wie eine Limited Edition Sneakers, die wirklich eingefleischte Liebhaber ohne groß Nachzudenken für ein Vielfaches des normalen Verkaufspreises bei eBay kaufen, wenn sie wieder einmal sofort ausverkauft sind. Nur dass es statt um Sneakers eben um Gemüse geht. Und natürlich lässt sich dabei nicht im geringsten abschätzen, ob der wertvolle Fund überhaupt auch wachsen und gedeihen wird. Das kann auch schon einmal sieben Jahre dauern.

Egal. Harald Gasser ist keiner, der schnell aufgibt.

Ein Besuch beim Gemüsebauern Harald Gasser auf dem Aspingerhof in Barbian, Südtirol Ein Besuch beim Gemüsebauern Harald Gasser auf dem Aspingerhof in Barbian, Südtirol Ein Besuch beim Gemüsebauern Harald Gasser auf dem Aspingerhof in Barbian, Südtirol Ein Besuch beim Gemüsebauern Harald Gasser auf dem Aspingerhof in Barbian, Südtirol

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Vom Sozialarbeiter zum Sternekoch-Zulieferer

Was er auch nicht ist: einer, der halbe Sachen macht. Noch vor ein paar Jahren war er Sozialarbeiter und wollte vom Hof der Eltern nichts wissen, inzwischen ist Harald Gasser Vollblut-Bauer. Seine Eltern mussten erst noch von seiner speziellen Art, den Hof zu übernehmen überzeugt werden – aber was so gut schmeckt, lässt sich schließlich nicht leugnen. Nur Geduld, die muss man mitbringen bei so einem außergewöhnlichen Projekt. Harald Gasser fasst das ganz gelassen zusammen:

Heuer hab ich mehr Scheiße gebaut als Nutzen.

Die derzeit so groß gehypten Worte Bio, Saisonalität und Regionalität bekommen hier im Südtirol eine ganz neue Bedeutung – und ganz nebenbei wird deutlich, dass die Produkte, die mit diesen Trend-Siegeln ausgezeichnet in unseren Supermärkten liegen, ganz fern von der Bauernhofromantik produziert sein müssen, die wir hier erleben. Denn Harald Gasser lässt außer Wasser nichts an seine Pflanzen, er glaubt fest an die Kraft der Natur wenn es darum geht, dass alle das bekommen, was sie brauchen. Seine Abnehmer, darunter viele Südtiroler Sterneköche, finden das nicht immer gut. Aber Harald Gasser ist sich sicher: angefressenes schmeckt am besten.

Ein Besuch beim Gemüsebauern Harald Gasser auf dem Aspingerhof in Barbian, Südtirol

 

Tollste Entdeckung des Tages? Lecker Würmchen!

Erdmandeln, die aussehen wie kleine Würmchen, zum Glück aber gar nicht danach schmecken. In Gegenteil: wie Nüsse knacken sie im Mund und schmecken auch in etwa so. Weswegen der Erntekorb mit den Erdmandeln auch immer gut vor den beiden Söhnen der Gassers versteckt werden muss, die die leckeren Teilchen futtern, als gäb’s nie wieder was zu essen. Ich inzwischen auch!

Ein Besuch beim Gemüsebauern Harald Gasser auf dem Aspingerhof in Barbian, Südtirol Ein Besuch beim Gemüsebauern Harald Gasser auf dem Aspingerhof in Barbian, Südtirol Ein Besuch beim Gemüsebauern Harald Gasser auf dem Aspingerhof in Barbian, Südtirol

Alle Bilder wurden mit der Nikon D3100 Kamera geschossen. © Stefanie Briggl/PonyDanceClyde

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Vielen Dank an Südtirol für die Einladung! Bald geht’s weiter mit Geschichten von einer Koch-Challenge im Edelrestaurant, einem Geheimtipp für Bozen und leckeren Produkten aus der Region.

Außerdem war Fanni neulich in Curacao unterwegs.

Mehr Reise-Abenteuer gibt’s hier.

Fanni liebt das Internet, ihren Kiez in Neukölln, Schaukelstühle, italienisches Essen und Musik, die sie auf dem Sofa hüpfen lässt. Sie kann schneller Bier trinken als alle anderen, verträgt aber außer Mexikaner keine Kurzen.

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